Rückblick Gebetsabend: „20 Minuten blieben uns, um die nötigsten Sachen zu packen und loszufahren“

Veröffentlicht in: Gemeindeleben, Gottesdienst, Startseite | 0
Rückblick Gebetsabend: „20 Minuten blieben uns, um die nötigsten Sachen zu packen und loszufahren“

Zu einem facettenreichen Gebetsabend lud die Freie evangelische Gemeinde Wiesloch-Walldorf am Samstag, den 26. März 2022 in ihr Gemeindezentrum ein. Neben einer immer noch laufenden Sammelaktion für Hilfsgüter, die über die FeG-Auslandshilfe in die Grenzregion zu den Flüchtlingscamps transportiert werden, wollte die Gemeinde ein Zeichen setzen und mit ihren Mitteln der schlimmen Situation in der Ukraine etwas entgegensetzen.

Lukas Di Nunzio, der durch seine Arbeit im christlichen Musikbereich schon einige Male auf Konferenzen in der Ukraine gesprochen und dadurch auch Beziehungen in das Land hat, moderierte den Abend und begrüßte Lyudmila Bolgar und ihren Sohn Julian, die aus der Nähe von Kiew stammen. Sie berichtete eindrücklich von dem Morgen der ersten russischen Bombenangriffe, wie ihr Mann sie um 5 Uhr geweckt und zur Flucht gedrängt hatte. Zunächst wollte sie es nicht wahrhaben, doch als sie aus dem Fenster sehend die Nachbarn bereits auf der Flucht und Panzer vorbeirollend sah, wurde ihr bewusst: Der Krieg hat begonnen. „20 Minuten blieben uns, um die nötigsten Sachen zu packen und loszufahren.“ Im Rückblick ist sie froh so gehandelt zu haben, denn die Alternative wären Nächte in Bunkern und Tiefgaragen gewesen, ohne Essen. Die Benzinknappheit hätte eine spätere Flucht auch zusätzlich erschwert. Nach einigen Tagen auf der Flucht innerhalb der Ukraine entschied sich die junge Familie schweren Herzens, dass sie und ihr Sohn über die Grenze zunächst nach Rumänien gehen werden. Da alle Männer zwischen 18 und 60 Jahre die Ukraine nicht verlassen dürfen, muss ihr Mann in dem umkämpften Land bleiben. Er engagiert sich in der Südwestukraine beim Transport und der Verteilung von Lebensmitteln und hilft anderen Menschen bei der Ausreise aus dem Land. Lyudmila und ihr Sohn sind mittlerweile bei Verwandten im südlichen Hessen untergekommen. Ihre Wohnung am Stadtrand von Kiew ist derzeit noch unversehrt, aber viele andere Gebäude, so auch das Kongresszentrum, in dem Lukas Di Nunzio noch vor Monaten gesprochen hat, ist mittlerweile zerbombt. Er berichtete aber auch von einer Baptistenkirche, deren Kirchengebäude noch steht, obwohl alle umliegenden Gebäude bereits zerstört wurden.

Pastor Michael Pöpel ging in seiner Andacht auf Psalm 62 ein:

Nur bei Gott komme ich zur Ruhe, denn meine Hilfe kommt von ihm. Nur er ist mein Fels, meine Rettung, meine sichere Burg, in der mir kaum etwas geschehen kann.

Psalm 62

Als Christen hätten wir diesen Ruhepol und sicheren Ort, den Grund zur Hoffnung auch in solchen Krisenzeiten.

In unterschiedlichen Gruppengebeten wurde dann für die Geflüchteten und die getrennten Familien gebetet, für die politisch Verantwortlichen und für Frieden in der Ukraine, aber auch für die anderen Konfliktherde und kriegerischen Auseinandersetzungen auf der Welt. Gebete in Form von modernen Lobpreisliedern, begleitet von Alexander Lucas und Lukas Di Nunzio, ließen den Abend facettenreich und kurzweilig werden. In den Liedtexten ging es u.a. darum, dass Gott ein „starker Turm“ ist, der Halt gibt und bei dem man Zuflucht und Geborgenheit finden kann, der die Gebete hört und Trost schenkt. Emotionaler Höhepunkt war der Liedvortrag des 7-jährigen Julian, der ein Lied auf Ukrainisch vortrug, in dem es um den Frieden in der Ukraine ging.

Der Gebetsabend der Freien evangelischen Gemeinde nahm die Besucher mit hinein in die schlimme Situation des europäischen Nachbarlandes und brachte die persönliche Situation der Menschen von dort nochmal viel näher als es über die Medien möglich ist.

Rückblick Gebetsabend: „20 Minuten blieben uns, um die nötigsten Sachen zu packen und loszufahren“

Fotos: Michael Pöpel, Alexander Lucas.